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Holger Burner sozialistischer Rapper

Holger Burner

Holger Burner

Holger Burner ist ein sozialistischer Rapper, Aktivist und Mitglied der SAV (Sozialistische Alternative, deutsche Sektion des Komitees für eine Arbeiterinternationale CWI) in Hamburg. Er begann 2006, seine eigene Musik zu veröffentlichen und hat mittlerweile 4 Solo-Alben und ein Album mit dem Rapper Albino veröffentlicht. In seinem Interview mit BadArt spricht er über seine Einflüsse, wie er begann Musik zu machen und den Zusammenhang von Musik und Politik.

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 Als politischer Rapper verbindest du Musik mit politischen Inhalten. Weshalb bist du Sozialist geworden, und hast du schon Musik gemacht bevor du politisch aktiv wurdest oder begannst du mit beidem Zeitgleich?

Ich wurde politisch sehr aktiv, als es Mitte der 90er Jahre einen faschistischen Aufschwung gab. Ich war damals 14 Jahre alt und wollte etwas tun, um die Faschisten zu stoppen. Das war der Punkt, wo sich meine Vorstellungen mit denen der SozialistInnen trafen, wie sie sich organisierten und ihre Ideen sprachen mich an. Sie waren anders als die damaligen Autonomen: Die SozialistInnen organisierten sich, um die ganze ArbeiterInnenklasse, und nicht nur eine kleine Anzahl Linker, aktiv werden zu lassen gegen Rassismus. Die SozialistInnen hatten eine Vorstellung davon, dass Rassismus im Interesse der großen Konzerne verstärkt wurde um die ArbeiterInnenklasse zu spalten. Die Autonomen sagten nur, die Mehrheit der Bevölkerung sei bloß dumm und rassistisch. Für mich, als Mitglied einer ArbeiterInnenfamilie, war es klar, wem ich beitreten würde – denjenigen, die eine Strategie hatten, den Rassismus zu besiegen und außerdem aktiv waren gegen andere Abgründe des Kapitalismus, wie Armut und Krieg. In der gleichen Zeit fing ich auch an, Rap-Musik zu hören – was keine Überraschung war, da viele Elemente im Hip-Hop ausdrückten, was ich politisch fühlte… Wut, die Rückgewinnung öffentlicher Plätze durch Graffiti und den Internationalismus.

 

Was hat dich dazu gebracht deine eigene Musik zu machen?

Das war ein bisschen ein Zufall. In seinen frühen Jahren war Hip Hop in Deutschland eine Aktivismuskultur, keine Konsumkultur. Es war normal, dass man etwas ausprobierte, und ich hatte schon immer Spaß, Sprache zu benutzen. Ich hatte kein Geld für Plattenspieler und bin wirklich nicht gut im malen – nicht dass ich es nicht probiert hätte, ich habe ein oder zwei Pieces unter dem Namen KBW (Kommunisten bemalen Wände) gemacht, aber die waren echt hässlich und ich verstand, dass die Öffentlichkeit besseres verdient.

Also habe ich angefangen zu freestylen, am Anfang ging ich zu Jam Sessions und habe mich gegen sexistische Einstellungen gestellt. Später bin ich nach Hamburg gezogen und habe bei Cyphers interessante positive Leute kennengelernt, und freestylte mehr. Durch meinen politischen Hintergrund waren meine Freestyles auch oft politisch. Daraufhin begannen Leute mir zu sagen, ich solle Konzerte geben, da die Dinge über die ich gerappt habe relevant waren und gehört werden sollten. Bis zu dem Punkt habe ich keinen einzigen Song geschrieben. Ich habe hauptsächlich angefangen, Songs zu schreiben, weil einige DJs ein Konzert mit mir organisieren wollten. Und nach dem Konzert sagten mir einige Leute dass ich diese Songs aufnehmen sollte – und so entstand mein erstes Album.

 

Ist es wichtig für dich dass Kunst, und speziell Musik, eine politische Botschaft hat?

Ich denke, jedes Stück Kunst oder Musik hat eine politische Botschaft, bewusst oder unbewusst. Es ist bloß nicht immer so direkt wie ein Anti-Kriegs-Lied oder die Guernica-Bilder. Alles, was du ausdrückst, ist ein Kommentar zu den Lebensbedingungen – die Stimmung eines Liedes oder Bildes sagt viel darüber aus, wie oder wo du lebst. Der Ort wo du Kunst machst ist politisch. Hast du Geld um ein Atelier oder einen Proberaum zu mieten oder triffst du dich auf der Straße? Jede Beziehung die du hast wenn du ein Buch schreibst oder in Gedanken eine Skulptur erstellst wird beeinflusst von deinen Arbeitsbedingungen, wie viel Zeit du hast, ob du Urlaub machen oder ab und zu essen gehen kannst. Oft sieht man Menschen, die bedeutsame Kunst machen in Zeiten wo es ihnen schlecht geht, und weniger relevante Kunst wenn sie „etabliert“ sind – aufgrund des Einflusses der Kulturindustrie oder ihrer neuen Lebensbedingungen.

Ob du mit, neben oder gegen die Kulturindustrie arbeitest ist ein sehr politischer Faktor. Ich wuchs in Kassel auf, wo es alle 4 Jahre eine traditionelle Kunstausstellung gibt, der Gründer hatte eine Philosophie, dass Kunst ein Teil des täglichen Lebens auf der Straße sein sollte, nicht eingeschlossen in kultivierten Gebäuden, wo man Eintritt zahlen muss. Für seine erste Ausstellung pflanzte er 7000 Bäume in Kassel. Als ich aufwuchs spielte ich unter diesen Bäumen.

Kunst ist politisch, ob du willst oder nicht. Jeder Film den du siehst, in dem die Frauen untereinander nur über Männer sprechen hilft, die Spaltung der Arbeiterklasse zu etablieren. Aus diesem Grund bevorzuge ich, dass die politische Botschaft von Kunst Solidarität ausdrückt anstatt Unterdrückung.

 

Wie schreibst du deine Songs? Weißt du bereits im Vorfeld was du erzählen möchtest oder schreibst du einfach drauf los und schaust was herauskommt?

Es gibt generell viele Dinge die ich sagen möchte und über die ich einen Song schreiben möchte, aber wenn ich mich hin setze und versuche zu schreiben, höre ich mir einige Beats (Instrumentale) an die ich verwenden kann und lege mich auf einen Beat fest, der am besten zu meiner momentanen Stimmung passt oder mich in dem Moment aufgrund seines Rhythmus am meisten fasziniert.

Wenn ich viel Glück habe kann ich manchmal Ideen für Samples an Freunde schicken, die Beats machen (Ich selbst habe kein Talent darin entwickelt). Zum Beispiel wie vor kurzem, als Samurei einen Teil von „Marsa Rojava“ von Kendal Manis gesamplet hat, und ich einen Anti-G20-Song dazu geschrieben habe (was besonders passte, da neben Arschlöchern wie Trump auch Erdogan im Juli in Hamburg war).

Also, wenn ihr mehr Output wollt: Schickt mir Beats, das erhöht die Chance dass ich mir denke „Verdammt, ich muss einen Song auf diesen Beat schreiben!“. Aber zurück zur eigentlichen Frage; Nachdem ich mich für einen Beat entschieden habe, wähle ich ein Thema für den Song. Ich schreibe nie Songs, die nur aus zufälligen Lines bestehen, die mir eingefallen sind. Manche Leute sind sehr gut darin, aber das ist nicht meine Art, Songs zu schreiben.

 

Mit welchen Problemen siehst du dich als Künstler im Kapitalismus konfrontiert?

Da mein Leben weniger davon beeinflusst ist, ein Künstler zu sein, als vielmehr von meiner politischen Aktivität, meinem Job und meinen Freunden, ist das nicht der für mich wichtigste Punkt. Generell gilt: Wenn du keine Zeit hast, Kunst zu machen, wirst du keine Kunst machen, und wenn das Leben gerade stressiger ist und du  jeden Moment, den du nicht arbeitest oder politisch aktiv bist, für Entspannungund Regeneration brauchst hast du keine Zeit für die Schaffung von Kunst.

Offensichtlicherweise kam ich als politischer Künstler in eine Art Unterdrückung, zum Beispiel als Zeitungen Teile meiner Texte zitierten und Veranstaltungen dazu aufforderten, diesen radikalen Linken auszuladen, oder als das Land Rheinland-Pfalz mich wegen Volksverhetzung anzeigte, oder als die größte deutsche Boulevardzeitung die LINKE unter Druck setzen wollte, mich nicht als Kandidaten aufzustellen.

Diese Dinge passierten nicht weil ich ein Künstler bin, sondern weil ich ein Revolutionär bin, und als solcher weiß man, dass so etwas passieren wird. Wenn du die herrschende Klasse bekämpfst wird sie dich bekämpfen, und so lange sie die Macht haben ist das natürlich scheiße. Aber was soll man machen?

Zuletzt würde ich noch sagen, dass es offensichtlich viel schwieriger ist, seine Kunst bekannt zu machen, wenn man in erster Linie kein Geld hat. Seit einigen Jahren habe ich mittlerweile kein Geld, T-Shirts und Hoodies nach zu drucken, weshalb weniger Leute in meinen T-Shirts rum laufen und anderen meine Kunst vorstellen – Das selbe gilt natürlich für Sticker, bezahlte Facebook-Werbung, Produktion von Musikvideos und so weiter. Wenn du kein Geld hast, gibt dir der Kapitalismus weniger Chancen etwas zu propagieren, da gibt es keinen Unterschied ob du Flyer drucken oder eine Vinyl pressen willst.

 

Wie kann man deiner Meinung nach, trotz der kommerzialisierten Musik- und Kunstindustrie, etwas mit seiner Musik erreichen?

Die Künstler auf unserer Seite des Kampfes waren am einflussreichsten in Zeiten von großen Bewegungen unserer Klasse. Ich bezweifle, dass Victor Jara so ein großes Publikum gehabt hätte, wenn die Unidad Popular seine Musik nicht zum Teil Ihrer Kampagnen gemacht hätte, und ich bezweifle stark, dass es so viele gute Anti-Kriegs-Lieder in den 70ern gegeben hätte ohne die Millionen starke Bewegung gegen den Krieg, die viele Künstler in die Bewegung gebracht hat. Die herrschende Ideologie ist die Ideologie der herrschenden Klasse, die bis nach der Revolution bestehen bleibt. Aber in Zeiten von großen Bewegungen können wir Ihren Griff durchbrechen, weil  ihre Medien weiterhin Songs über das Wetter bewerben werden während die Menschen über Streiks sprechen, und das ist der Punkt, wo unsere Zeitungen, unsere Flyer, unsere Songs und unsere Graffitis die Leute erreichen können.

 

Welche anderen Musiker sind dein größter Einfluss?

Das ist schwer zu sagen, da ich sehr viel Musik höre und die Entwicklung von Musik genieße, aber ich würde sagen als Jugendlicher hatte Public Enemy den größten Einfluss auf mich.

 

Welches ist momentan dein Lieblingslied eines anderen Musikers?

Das wäre entweder Oshun – # oder Little Simz – Dead Body.

 

Welches deiner eigenen Lieder hat dir am besten gefallen?

Für Euch, aufgrund der positiven, stärkenden Aussicht, die ich nicht oft schaffe in Songs zu verpacken.

 

Kannst du die heutige Kunstwelt in fünf Worten beschreiben?

Eigentlich vier: Kapitalismus ist kultureller Zerfall.

 

Wenn du einen politischen Wunsch hättest, welcher wäre es?

„If I had one shot, one opportunity…“ 😉 wäre es nichts weniger als eine internationale sozialistische Revolution.

 

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